Wie sieht die Zukunft der Stadtteilkonferenz Mitte aus?

Ein kritischer Blick auf fünf Jahre Stadtteilkonferenz Mitte Bremerhaven: Unsere Themen, unsere Beschlüsse und eine ehrliche Bilanz zwischen Bürgerengagement und städtischer Realität.

Chronologie 2021–2026 & Thematische Auswertung | Von Ralf Ekrowski (Gedenken an Eberhard Pfleiderer)

I. Chronologie der Arbeit (2021–2026)

2021: Gründung und Aufbruch

Am 12. Oktober 2021 gründen 27 Menschen die Stadtteilkonferenz Mitte, die siebte in Bremerhaven. Eine erste Geschäftsordnung entsteht gleich mit, das Gründungsprotokoll ist öffentlich. Maßgeblicher Initiator und treibende Kraft von Beginn an ist Eberhard Pfleiderer, der als Motor der STK Mitte wichtige Grundlagen schafft.

Im November konstituieren sich die Arbeitsgruppen: Mitte-Nord/Alte Bürger, Mitte-Süd/Innenstadt, Verkehr sowie Soziales, Umwelt und Jugend. Eine Steuerungsgruppe wird gewählt. Im selben Monat laufen im Beteiligungskontext die vier Workshops der „mittemacher*innen-Akademie“ zu Ideen und Visionen für Mitte.

2022: Beteiligung, Innenstadt, Verkehr

Das zweite Jahr gehört der Frage, wie Stadtplanung zustande kommt. Im Januar lädt die AG „Innenstadt und Verkehr“ ein, im Februar geht es um kommunale Bürger:innenräte als Weg zu breiterer Beteiligung.

Im März tagt die Frauen-Stadtteilkonferenz zum Weltfrauentag, gemeinsam mit der ZGF und nach einem Frauen-Stadtrundgang durch die Innenstadt. Sie beschließt einstimmig Gender Planning und paritätisch besetzte Gestaltungswerkstätten, etwa für die Columbusstraße; die Senatspressestelle berichtet. Ebenfalls im März werden die Ergebnisse von Onlinebefragung und Zukunfts-Camp zum Integrierten Innenstadtkonzept vorgestellt, die STK ist in den Prozess eingebunden.

Im Mai folgt der Grundsatzbeschluss zur Partizipation: Bei Stadtplanungsprojekten sollen ergebnisoffene Bürgerräte oder Planungszellen arbeiten. Die Ergebnisse von Urbanista werden kritisch durchleuchtet. Im August beschließt die STK eine „Nichtkommerzielle Innenstadt“ und will die Stadtbibliothek im ehemaligen Saturn-Gebäude als Begegnungsort gegen Jugendkriminalität und soziale Isolation ausbauen.

Beim Verkehr kritisiert sie die Verzögerungen beim Verkehrsentwicklungsplan 2040 und beginnt Aktionen für die Eröffnung der Fahrradstraße Prager Straße. Weitere Sitzungen gibt es im September und Dezember, die AG Innenstadt/Verkehr trifft sich unter starker Einbindung von Eberhard Pfleiderer im Dezember.

2023: Karstadt, Schwerlastverkehr und ein schwerer Verlust

2023 ist das sitzungsreichste Jahr: Die AG „Innenstadt und Verkehr“ tagt im Januar, März und August, dazu kommen Sitzungen und Veranstaltungen im Februar, Mai, Juni und Oktober. Im März diskutieren Parteivertreter auf dem Podium unter der Moderation von Eberhard Pfleiderer über die Zukunft der Innenstadt.

Im April lädt die STK in die VHS zur großen Bürgerbeteiligung: Karstadt-Areal, Jugendräume, die Stadtbibliothek am Heuss-Platz und Verkehrsfragen stehen auf dem Zettel.

Im August trauert die STK Mitte um ihren Sprecher und unermüdlichen Motor Eberhard Pfleiderer. Trotz des schmerzlichen Verlusts führen Ralf Ekrowski und Peter Frei das Engagement fort.

Im Oktober bringt sich die STK beim Runden Tisch LKW-Verkehr ein und fordert, den Schwerlastverkehr über den Hafentunnel zu leiten und die Hafenrandstraße zu bauen, um das Zentrum zu entlasten. Im November reagiert die STK mit Skepsis auf die angekündigte Generalinvestorlösung für das Karstadt-Areal und kritisiert die Übernahme der Abbruchkosten von 14 Millionen Euro durch die Stadt.

2024: Geschäftsordnung und Karstadt

Im Februar 2024 gibt sich die STK in der VHS eine neue Geschäftsordnung – ganz im Sinne des verstorbenen Eberhard Pfleiderer zur Verschlankung und Verlagerung der Verantwortung in die Arbeitsgruppen. Das Stimmrecht beginnt nun ab 16 Jahren, die Außendarstellung liegt künftig direkt bei den AGs, und eine Koordinationsgruppe löst die Steuerungsgruppe ab.

Im März stehen Karstadt und Innenstadt auf der Tagesordnung, dazu „Soziale Stadt & Sozialer Zusammenhalt“, die Pestalozzi-Schule, die Bäume in der Bogenstraße und die Fahrradstraße Prager Straße. Bei der Pestalozzi-Schule lehnt die STK einen Turnhallen-Neubau auf Kosten alter Bäume ab. Erörtert werden außerdem die Schließung der AMEOS-Klinik und die Nutzung der Kreuzkirche als Denkmal.

Befremden löst aus, dass der Oberbürgermeister einen Investor für das Karstadt-Areal verkündet, ohne die STK einzubinden. Mit der Kaufmannschaft spricht sie über Leerstände und die Auflösung von City Skipper. Im Juni geht die STK durch die Innenstadt, im September durch Obere und Untere Bürger mit Blick auf Aufenthaltsqualität und Leerstände.

2025: NOVO

Im Februar 2025 lädt die STK in die VHS zu Sparzwang, Wahl und neuen Chancen für Mitte.

Im Lauf des Jahres befasst sie sich mit den konkreten Entwürfen für NOVO, der Kombination aus Stadtbibliothek, Jugendherberge und Gastronomie, sowie mit der daraus resultierenden Mietbelastung für die Stadt. Im September folgt ein kritischer Stadtspaziergang zu Leerständen, Außengastronomie und Aufenthaltsqualität.

2026: Wärmeplanung, Direktwahl

Im Februar 2026 beschließt die STK einstimmig, die „AG Innenstadt“ wiederzubeleben, als runden Tisch von Bürgern, Gewerbe und Politik. Am IPA-Verfahren bei NOVO hält sich die Skepsis. Anfang März fordert sie einstimmig per Pressemitteilung die Direktwahl des Oberbürgermeisters in Bremerhaven.

Im Juni geht es in einer öffentlichen Sitzung um die kommunale Wärmeplanung und NOVO: den Stand der Gestaltung, das IPA-Verfahren und gestiegene Kosten von 75 auf rund 90 Millionen Euro. Im September führt der Stadtspaziergang vom Theodor-Heuss-Platz bis zur Lloydstraße.

II. Bilanz & Ausblick

Was sich durchzieht

Fünf Themen kehren in allen Jahren wieder:

Karstadt / NOVO Echte Bürgerbeteiligung Verkehr & LKW-Lenkung Aufenthaltsqualität Demokratische Legitimation (Direktwahl)

Was es gebracht hat

Zählt man nach, was die STK bewirkt hat, ist die Rechnung kurz. Beim Koggenbräu wurde die Planung geändert, nachdem die STK interveniert hatte und die Nordsee-Zeitung darüber berichtete. Es brauchte beides, den Beschluss und die Öffentlichkeit dazu.

Sonst bleibt wenig. Die Stadt unterstützt die STK finanziell, damit ist die Zusammenarbeit weitgehend beschrieben. Bei NOVO gibt es kein Mitspracherecht. Informationen fließen dort, wo sie niemandem wehtun. Sitzungen, Beschlüsse, Forderungen, Spaziergänge: Die Chronik oben ist die Summe der Arbeit, und fast in jedem Jahr steht am Ende der Zeile eine Skepsis, auf die keine Antwort kam.

Veränderung des Umfelds: Quartiermeistereien und Standortmanager sind Beteiligung, die an die Stadt angeschlossen ist. Sie bringen Ansprechpartner und Formate mit und stellen weniger unbequeme Fragen. Die STK war unter Impulsgebern wie Eberhard Pfleiderer angetreten, genau das nicht zu sein, sondern eine unabhängige, kritische Stimme. Will die Stadt lieber ungestört bleiben oder Beteiligung, die sie selbst betreibt, stellt sich die Frage, wofür sie die STK bezahlt.

Der Fall Koggenbräu spricht dafür, dass die Stimme dennoch etwas bewirken kann, wenn sie den Kanal wechselt: nicht dort, wo die Stadt Beteiligung vorgesehen hat, sondern dort, wo sie nicht übergehen kann, was öffentlich wird. Ob das für ein Gremium reicht, das auf Sitzungen und Beschlüsse setzt, ist offen.

III. Zusammenfassende Analyse der Hauptthemen

1. Entwicklung der Innenstadt & Projekt NOVO

  • Generalinvestor vs. Selbstbestimmung: Durchgehende Bedenken gegen den Verkauf des Karstadt-Areals an Investoren; Bedenken wegen hoher Abbruchkosten (14 Mio. €) auf Kosten der Stadtverwaltung.
  • Projekt NOVO: Befürchtungen wegen hoher Mietbelastungen für die Stadtbibliothek, Kritik an intransparenten IPA-Planungsverfahren und Bedenken bezüglich stark steigender Baukosten (von 75 auf ca. 90 Mio. €).
  • Kaufmannschaft & Einzelhandel: Fehlen eines zentralen Innenstadt-Managements (nach Weggang der Koordinatorin), Sorge vor Monokulturen, Leerständen und überhöhten Mietforderungen durch renditeorientierte Immobilienfonds.
  • Kulturelle Orte: Konsequenter Einsatz für den Erhalt prägender Bausubstanz (z. B. Koggenbräu-Sanierung, Tivoli).

2. Verkehr, Logistik & Klimawandel

  • Hafenschwerlastverkehr: Zusammen mit den benachbarten STKs nachdrücklicher Einsatz für die Bündelung von LKW-Verkehre über den Hafentunnel und den Bau der Hafenrandstraße zur Entlastung der Wohngebiete.
  • Verkehrswende: Kritik an schleppender Umsetzung des Verkehrsentwicklungsplans (VEP 2040), Unterstützung für Fahrradstraßen (Prager Straße) sowie Forderung nach Tempo-30-Zonen und Rückbau vielspuriger Straßenzüge (z. B. Columbusstraße).
  • Fußgänger- & Aufenthaltsqualität: Sichere Vernetzung von Innenstadt und Havenwelten, Barrierefreiheit sowie geschlechtsspezifische Stadtplanung (Gender Planning).

3. Bürgerbeteiligung & Demokratie

  • Formate der Mitbestimmung: Forderung nach ergebnisoffener Bürgerbeteiligung durch Bürgerräte und Planungszellen statt rein informativer Präsentationen durch die Stadtverwaltung.
  • Demokratische Legitimation: Einstimmige Forderung nach einer Urwahl (Direktwahl) des Oberbürgermeisters durch die Bürgerschaft ab 2026.
  • Strukturelle Selbstverwaltung: Weiterentwicklung der Geschäftsordnung (Stimmrecht ab 16 Jahren, Dezentralisierung der Aufgaben hin zu den Arbeitsgruppen).